Im Gespräch mit Jürgen Kern und Alexander Martynow

Chefdramaturg Andreas Flick im Gespräch mit Regisseur Jürgen Kern und Bühnen- und Kostümbildner Alexander Martynow

Am 2. November 2018, mitten in den Vorbereitungen zu unserer Inszenierung „Mutter Courage und ihre Kinder“, veröffentlicht die Wochenzeitung „Die Zeit“ einen Artikel mit der Überschrift „Exportstopp bedroht Werft in Wolgast“. Als Reaktion auf den gewaltsamen Tod des saudischen Journalisten Jamal Khashoggi im Konsulat Saudi-Arabiens in Istanbul hatte die Bundesregierung angekündigt, für die Zeit der Ermittlungen alle weiteren Rüstungslieferungen zu stoppen. Für die Wolgaster Lürssen-Werft bedeutete diese Entscheidung, dass bis zu 20 Patrouillenboote nicht gebaut bzw. nicht ausgeliefert werden dürfen. Ein Krieg, bisher in abstrakter Ferne, steht plötzlich fast bei uns vor der Tür. Auch unsere Region profitiert vom Krieg, wie die Mutter Courage.

Andreas Flick im Gespräch mit Regisseur Jürgen Kern und Bühnen- und Kostümbildner Alexander Martynow

Regisseur Jürgen Kern (l.) und Bühnen- und Kostümbildner Alexander Martynow

Jürgen Kern: Böse gesagt: Wenn wir in Wolgast keine Schiffe produzieren, dann fehlen der Region Steuereinnahmen und dann kann die Landesbühne nicht mehr spielen. Ist natürlich nicht so, aber so muss man es eigentlich sehen.

Die Erkenntnis ist ja nicht neu, Krieg ist ein schmutziges Geschäft.

J.K.: Die Mutter Courage freut sich, dass der Krieg weitergeht und sie ihre Waren verkaufen kann. Ohne Krieg sähe es für sie anders aus.

Alexander Martynow: Bei Brecht ist es ja so, dass von einem bestimmten Krieg, dem 30-jährigen Krieg, gesprochen wird. Das haben wir rausgenommen, denn: Krieg existiert immer irgendwo, er hört nie auf. Im Prinzip gibt es keinen Anfang oder Ende vom Krieg, zumindest wenn man es global betrachtet. Der Krieg ist immer da, immer medial präsent. Es ändert sich aber, wie wir ihn wahrnehmen. Daher war es für uns relativ schnell klar, unsere Inszenierung in die heutige Zeit zu versetzen, das zeigt sich vor allem im Kostüm- und Bühnenbild.

J.K.: Wir zeigen ja nicht konkrete Schlachten oder einen bestimmten Krieg, sondern den Krieg allgemein und die Zustände. Ich glaube in unserer Inszenierung gehen wir damit einen Schritt weiter, als Brecht das gewollt hat. Ich denke Brecht war mit seiner scharfen Kritik am Dritten Reich der Meinung, dass dann irgendwann die Zeit kommt, in der es weniger Kriege geben wird. Und das war ein Irrtum.

kriegerische Auseinandersetzungen, losgelöst von einer konkreten Zeit und losgelöst von konkreten Individuen

Unser Ziel ist es von kriegerischen Auseinandersetzungen, losgelöst von einer konkreten Zeit und losgelöst von konkreten Individuen, zu erzählen. Brecht war mit dem Idealismus behaftet, dass nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, eine Zeit der Entspannung und eine Zeit des Friedens kommt. Es hat aber nicht mal zehn Jahre gedauert und dann gab es schon wieder Auseinandersetzungen und die atomare Aufrüstung.

Hat sich dieser Idealismus, wenn man Europa betrachtet, nicht auch ein bisschen erfüllt?

J.K.: Ja, von Europa kann man das sagen. Aber wir leben immer am Rand. So richtig in Ruhe und gelassen kann man der Weltlage nicht begegnen, auch als Deutscher nicht.

A.M.: Es war ja auch, obwohl in Mitteleuropa Waffenruhe herrschte, eine Zeit, die durch den Kalten Krieg stark geprägt war. Heute ist es für uns, schwerer zu durchschauen, ob es nur „den einen“ Krieg gibt.

Nicht alle Kriege werden mit Waffen geführt

Es gibt Krieg gegen den Terrorismus, Wirtschaftskriege, Kriege die wir gar nicht oder kaum wahrnehmen, die aber passieren. Nicht alle werden mit Waffengewalt geführt, aber alle haben Opfer. Vielleicht nicht direkt bei uns, aber oft wegen uns.

J.K.: Und da sind wir wieder beim Thema Wolgast, es ist für uns spürbar.

A.M.: Es sind Stellvertreterkriege für unseren Wohlstand, aber so richtig bekommen wir das oft nicht mit.

Bei der sogenannten Flüchtlingskrise war es ja ähnlich. Wir erleben die Symptome, aber den Zusammenhang, dass auch wir Verursacher sind, dass das eine Kausalkette ist, das interessiert ja eigentlich niemanden, das verdrängen wir.

A.M.: Genau das wird zwar immer wieder gesagt, aber viele durchschauen diese Zusammenhänge nicht. Zugegebenermaßen ist es ja auch schwierig.

J.K.: Religionskriege, Wirtschaftskriege unterschwellige Konflikte, das steckt alles in „Mutter Courage und ihre Kinder“ drin. Das zeigt alles diese Frau, die sich freut, dass der Krieg weitergeht, dass ihre Geschäfte weiter gehen, weil sie davon lebt. Brecht hat da etwas geschaffen, was eben auch eine gewisse Zeitlosigkeit meint. Wo man eben nicht nur sagen kann, so ist es nur im Dreißigjährigen Krieg gewesen. Brecht meinte den Krieg, aber meinte im Prinzip alle Kriege, auch zukünftige. Ich glaube, wenn man das Stück genauso inszenieren würde, wie es vom Stücktext vorgegeben ist, würde man ihm heute nicht mehr gerecht werden. Ich glaube nicht, dass wir dann das erreichen, was wir wollen, dass die Leute berührt sind und dass sie auch über unsere heutige Situation nachdenken.

J.K.: In der Phase der Vorbereitung ist genau diese gedankliche Auseinandersetzung wichtig. Deswegen ist die Zusammenarbeit zwischen Regisseur und Bühnenbildner so wichtig. So eine Inszenierung ist eine gemeinsame Arbeit. Denn hier verbinden sich die Gedanken, wir haben eine ähnliche Haltung zu den Dingen.

Mutter Courage und ihre Kinder ab dem 23. Februar im Repertoire der Vorpommerschen Landesbühne

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