Was viele für unmöglich hielten, hat die Vorpommersche Landesbühne geschafft. Denn sie schreibt seit nunmehr 31 Jahren – mit dem Anklamer Theater sogar seit 75 Jahren – ihre ganz eigene Erfolgsgeschichte. Ins Leben gerufen in einer Zeit, in der man glaubte, Theater seien nicht finanzierbar, hat es rund um den Anklamer Intendanten Dr. Wolfgang Bordel leidenschaftliche Theaterliebhaber gegeben, die eine ganz andere Vision vor Augen hatten: Das Theater in Vorpommern lebt!
Die Vorpommersche Landesbühne hat sich nicht in ihren Elfenbeinturm zurückgezogen, ist mit der Zeit gegangen und dorthin, wo das Publikum ist; hat neue Spielstätten in Vorpommern geschaffen und ein vielfältiges Theaterangebot für die Zuschauer:innen auf die Bühnen gebracht. Vom klassischen Schauspiel über Sommertheater, bis hin zu internationalen Theaterprojekten, ist bei der Vorpommerschen Landesbühne alles zu erleben, was Theater ausmacht. Und gerade diese Vielfalt ist die Basis ihrer Erfolgsgeschichte.
Vom avantgardistischen Rebellen zum Publikumsliebling

Dr. Wolfgang Bordel †

Anna Engel & Andreas Flick
Die kleine Welt der großen Gefühle hat in der Hansestadt an der Peene tiefe Wurzeln. Schon im 17. und 18. Jahrhundert haben Zahn- und Wundärzte auf dem Marktplatz ihr Können in spektakulären Darbietungen zum Besten gegeben. Auch reisende Schauspieltruppen traten in Gasthäusern der vorpommerschen Stadt auf.
In den 1920er Jahren fanden Aufführungen häufig im Alten Schützenhaus statt, so dass der Kreistag 1948 beschloss, es zu kaufen und zu einem ordentlichen Theater umzubauen. Schon ein Jahr später konnte es eröffnet werden.
In den 1980er Jahren galt Anklam in der Theaterszene als absolute Strafkolonie. Hierhin wurde versetzt, wer der DDR unbequem war. Das »Ausreisetheater« wurde es genannt. Denn viele der verbannten Ensemblemitglieder hatten einen solchen bereits gestellt. Hier kam zusammen, wer sich den Vorstellungen vom sozialistischen Theater nicht anpassen wollte. Allen voran der Oberspielleiter Frank Castorf.
Dem heimischen Publikum gefielen die sperrigen Stücke dagegen weniger und noch weniger den SED-Kulturfunktionären, die nun auf die Spielpläne einwirkten. Zudem wechselten sie den Intendanten Wolfgang Bonness gegen einen neuen, Dr. Wolfgang Bordel, aus. Der promovierte Philosoph wollte wieder für die Anklamer, statt für die Berliner inszenieren. Was ihm gelang.
Nach der Wende wurde Dr. Bordel sogar zum Retter des kleinen Theaters. 35 Jahre lang lenkte er die Geschicke des Stadttheaters und der 1993 gegründeten Vorpommerschen Landesbühne, die es ohne ihn nicht gäbe. Nach seinem altersbedingten Rücktritt im Jahr 2019 übernahm Martin Schneider, zuvor langjähriger Leiter der Barther Boddenbühne, die Intendanz der Landesbühne. Seit 2021 leiten Anna Engel (Geschäftsführende Dramaturgin) und Andreas Flick (Kaufmännischer Geschäftsführer) die Landesbühne als Team. Dr. Bordel verstarb im Oktober 2022.
Ein Verein wird zum Lebensretter
Wahrscheinlich gäbe es das Anklamer Theater und somit auch die Vorpommersche Landesbühne heute nicht mehr, wenn es nicht Menschen gäbe, die mit ihrem ganzen Herzen das Theater lieben. Als der Verein Vorpommersche Kulturfabrik 1992 gegründet wurde, glaubten viele, allen voran die Politik, die Zeit der Theater sei vorbei.
Der Verein übernahm die Trägerschaft des Theater Anklam und wandelte es zu Vorpommerschen Landesbühne. Statt auf das Publikum zu warten, beschlossen die Theatermacher dorthin zu gehen, wo das Publikum war: Auf die Insel Usedom. Indem die Ensemblemitglieder und die Mitarbeiter:innen bei ihrem Ausscheiden aus dem alten, kommunal getragenen Theater und ihrer Aufnahme in die Landesbühne der Kulturfabrik auf ihre Abfindungen verzichteten, konnte der Verein ein Theaterzelt in Auftrag geben und es in Heringsdorf an exponierter Lage, direkt an der Promenade, aufbauen.
Der Erfolg gab den Theatermachern recht. Über die Jahre kamen weitere Kultur- und Theaterprojekte sowie Spielstätten in Zinnowitz, Usedom, Wolgast und Barth hinzu.

Dr. Wolfgang Bordel † – Vorsitzender der Kulturfabrik bis 2022

Andreas Brüsch – Vorsitzender seit 2023

Das Chapeau Rouge
Seit 1993 der gerade frisch gegründete Verein Vorpommersche Kulturfabrik das Anklamer Theater in freier Trägerschaft übernahm, wurde über neue Möglichkeiten, Theater zu spielen, nachgedacht. Die Idee: Ein extra für Theaterproduktionen konzipiertes und produziertes Zelt gleich hinter der Ostseedüne in Heringsdorf aufzubauen und für die dortigen Urlauber Sommertheater anzubieten.
»Ein gewagtes Experiment – doch schon die erste Saison war ein Erfolg«





Der außergewöhnliche Ort mit seinem Sternenhimmel und den kleinen Cocktailtischen schafft eine gemütliche Atmosphäre und gibt Theaterlegenden Raum zum Entfalten. Fast täglich spielt in den Sommermonaten hier die Musik oder es wird jede Menge Theater gemacht.
Heute ist das CHAPEAU ROUGE Kult.
Auch berüchtigtes Kabarett aus großen Städten und Lesungen bekannter Literaten finden hier statt.

Vineta – Das Atlantis der Ostsee
Auf die Idee, dass Vineta ein Publikumsmagnet werden könnte, brachte ihn eine knapp 20-minütige Laser-Show auf dem Heringsdorfer Sportplatz am Ende der Sommersaison 1995, während der die Sage um Vineta vorgelesen wurde. Es waren so viele Menschen gekommen, dass der Sportplatz aus allen Nähten platzte.
Mit der Ostseebühne am Zinnowitzer Waldrand wurde 1996 eine Bühne gefunden. Sie wurde umgebaut und so konnte im Sommer 1997 die erste Aufführung der Vineta-Festspiele, »Die versunkene Stadt«, Premiere feiern.
Fortan inszenierte Wolfgang Bordel bis kurz vor seinem Tod 2022 jedes Jahr eine neue Vineta-Geschichte – meist in Form einer Trilogie und immer mit Impulsen aus dem aktuellen Zeitgeschehen.

»Über 1100 Akteure standen während der Festspiele auf der Bühne«



Seit 2022 verantworten Anna Engel und Andreas Flick die Inszenierungen der Vineta-Festspiele. Auch nach dem Tod des Festspielschöpfers Dr. Bordel bleibt die Tradition des fantasievollen Sommertheater-Spektakels dem Seebad erhalten.

Die Blechbüchse
Aber richtig gehört, der Vorhang der Vorpommerschen Landesbühne zu den großen und kleinen Dramen und Komödien des Lebens, fällt in Zinnowitz in einer knallgelben Wellblechbüchse. Solch röhrenartige Metallkonstruktionen wurden zu DDR-Zeiten häufig als Sommerkino genutzt, weswegen sie im Volksmund Blechbüchsenkinos genannt wurden.
»Aus einer Lagerstätte wird ein Theater«

Der Architekt Klaus Marsiske baute das heruntergekommene Bauwerk im Auftrag der Vorpommerschen Landesbühne Mitte der 1990er zu einem Theater mit Zuschauerrängen und insgesamt 308 Sitzplätzen um und verpasste der damals im Beamtendeutsch deklarierten »Urlauberbegegnungsstätte« einen sonnigen Anstrich.
Am 4. Juli 1997 hob sich im Gelben Theater der erste Vorhang.
Über die Jahre hat sich die Blechbüchse zu einem ganzjährigen Zuschauermagneten gemausert, in dem klassisches und modernes Theater, Kabarett, Konzerte und Lesungen stattfinden.

Wo ist Vineta untergegangen?

Theaterakademie Vorpommern
Im Jahr 2000 wurde in Zinnowitz die Theaterakademie Vorpommern gegründet – eine einzigartige Einrichtung, die jungen Menschen den Zugang zur Welt des Theaters ermöglicht und sie auf ihrem künstlerischen Weg begleitet.
»Hier lernen die Stars von morgen ihr Handwerk«
Die Theaterakademie bietet jungen Theaterbegeisterten die Möglichkeit, unter professioneller Anleitung erste Bühnenerfahrungen zu sammeln. Von Schauspiel über Gesang bis hin zu Tanz – hier werden alle Facetten der darstellenden Künste vermittelt.
Die Eleven der Akademie sind regelmäßig Teil der großen Produktionen der Vorpommerschen Landesbühne und sammeln so wertvolle Erfahrungen auf der Bühne – Seite an Seite mit professionellen Schauspielern.

Schauspiel
Grundlagen der Darstellung, Improvisation und Rollenarbeit
Stimme
Sprecherziehung, Stimmbildung und Chorarbeit
Tanz
Bewegung, Choreografie und Bühnenpräsenz




Die Theaterakademie Vorpommern – ein Sprungbrett für junge Talente und ein wichtiger Baustein der kulturellen Nachwuchsförderung in der Region.

Die Peene brennt
Der erste Mensch auf dem Mond war selbstredend ein Anklamer. Das zumindest behauptet ein bunter Mix aus Anklamer Laiendarstellern, Schauspielern der Vorpommerschen Landesbühne und Eleven der Theaterakademie Vorpommern. Sie waren es nämlich, die 2002 die Peene zum Brennen brachten.
»Von Tänzen über Kampfszenen bis zur Feuershow ist alles dabei«

»Die Peene brennt« nannten sie das Theater-Spektakel, das im September jenes Jahres am Anklamer Hafen Premiere feierte. Mit durchschlagendem Erfolg. Fortan sollte es nun jedes Jahr Anfang September eine Neuauflage geben.
Seitdem wird jährlich eine neue Geschichte rund um die Historie der Hansestadt und ihrer Bewohner erzählt – zeitgeschichtliche Anekdoten, die für so manchen Schmunzler und Lacher sorgen, inklusive.
Anklamisieren, nennt das das Laienensemble, das sich selbst als Peenebrenner bezeichnet.
2022 gab es einen Einschnitt. Die Anklamer Peenebrenner wurden von der Peene vertrieben. Doch die Geschichten um die Stadt und ihre Bewohner gehen auf dem Theaterhof neben dem Theater Anklam als Hoftheater weiter.



Von Adam und Eva bis zur ehemaligen DDR
Adam und Eva – mit ihnen beginnt nicht nur die biblische Menschheitsgeschichte, sondern 2008 auch die Geschichte der Hafenfestspiele. Denn mit dem Lustspiel »In Sachen Adam und Eva« wurde in diesem Jahr die Usedomer Hafenbühne eröffnet.

Die Geschichten von Rudi Strahl waren ein Garant für humorvolle Seitenhiebe auf den sozialistischen Alltag und seine Absurditäten. Insgesamt sechs Strahlstücke sowie die Klassiker »Sonnenallee« und »Linie 1« hat die Vorpommersche Landesbühne in Usedom auf die Bühne gebracht.
Mit dem Umbau des Hafens zu einer Marina war jedoch Schluss mit dem Theater unter freiem Himmel an dieser Stelle. Die Festspiele um die satirischen Ostalgiestücke zogen um und fanden in Wolgast eine neue Heimat. Von 2017 bis 2022 spielte die Musik auf der altehrwürdigen Schlossinsel der Herzogstadt.
2023 erneut ein Umzug an den jetzigen Standort direkt am Hafen. Hier nun wurden die Festspiele wieder zu Hafenfestspielen, die mit einem Augenzwinkern auf die Ost-Vergangenheit und schwungvoller Musik das Publikum jedes Jahr aufs Neue begeistern. Seit 2024 führt Birgit Lenz nicht nur Regie, sie schreibt ihrem Ensemble auch die Stücke auf den Leib und holt die Geschichten der Hafenfestspiele in die Gegenwart.
»Mit einem Augenzwinkern auf die Ost-Vergangenheit und schwungvoller Musik«
Umzug auf die altehrwürdige Schlossinsel der Herzogstadt Wolgast
Neuer Standort direkt am Hafen – die Festspiele werden wieder zu Hafenfestspielen
Birgit Lenz schreibt dem Ensemble die Stücke auf den Leib




