Es war ein Mittwochnachmittag im Februar im Anklamer Theater. Draußen war es grau, nass und kalt. Eigentlich wollte ich schnell nach Hause, schaute aber kurz im Büro unseres kaufmännischen Geschäftsführers Andreas Flick vorbei. Mit dem Rücken zu mir, saß er vor seinen zwei großen Bildschirmen und war mit Dienstplänen oder Abrechnungen beschäftigt. Egal was ich wollte, es könnte ein paar Minuten dauern …
Auf dem Tisch zwischen uns lagen die Baupläne für ein funkelnagelneues Theaterzelt. Die Baupläne sahen wie die Schnittmuster eines Ballkleides aus unserer Schneiderei aus. Andreas drehte sich zu mir um und lächelte still.
Jepp, das sind die Pläne für unser neues Chapeau Rouge in Heringsdorf. Hätte ich mir auch nicht träumen lassen, dass ich mich mal mit der Planung eines neuen Theaterzeltes befasse.
Doch wie kam es überhaupt zu einem Theaterzelt in Heringsdorf?
Vom existenzbedrohten Theater zur Landesbühne
1983 übernahm Dr. Wolfgang Bordel – später der dienstälteste Intendant Deutschlands – die Leitung des Theaters in Anklam. Mit der Wende 1989 sah sich das Anklamer Theater vor enormen finanziellen Herausforderungen gestellt.
Dr. Bordel war pfiffig und erkannte das Potenzial des Tourismus auf der Insel Usedom. Wenn die Urlauber nicht nach Anklam ins Theater kommen wollen oder können, muss das Theater eben zu ihnen. Bereits 1993 wurde das Chapeau Rouge in Form eines Zirkuszeltes in Heringsdorf auf Usedom als Sommerspielstätte etabliert. Es war der erste Schritt, mit dem sich das existenzbedrohte Theater in Anklam hin zu einer Landesbühne mit heute insgesamt acht Bühnen entwickeln würde.
Nach 28 Jahren startete die Sommersaison 2025 wieder mit einem neuen Zelt. Und wieder strahlt es in seinem charakteristischen Rot an der Strandpromenade. Möglich wurde dies durch die Zusammenarbeit mit dem Theater Schwedt und der Oper Stettin im deutsch-polnischen Theaternetzwerk viaTEATRI, gefördert im Rahmen von Interreg. Nach einem Jahr Planung war es Anfang Mai diesen Jahres endlich so weit: Der Aufbau des neuen Zeltes konnte beginnen.
Auf der Baustelle: Zu Besuch bei Rayk Henning
Auf der Baustelle habe ich unseren technischen Leiter Rayk Henning besucht.
Moin Rayk. Ich habe beim Campen schon Probleme, mein Zweipersonenzelt aufzubauen. Wie geht es Dir dabei, ein Theaterzelt aufzubauen?
Rayk Henning: Das Zelt hier ist nigelnagelneu. Und für den ersten Aufbau sind neben … Wenn ich dann zwei Techniker habe, die das Stück kennen, aber nicht fahren können, dann muss ich mir was einfallen lassen, wie ich die beiden zum Spielort bekomme.
Schlaft ihr denn auch während der Sommersaison vor Ort?
Rayk Henning: Zum Aufbau eher nicht. Aber mit dem Beginn der Sommersaison schon. Dann haben wir Wohnwagen, wir haben Schlafcontainer, es gibt auch einen Container für Gastschauspieler. Und gerade wenn wir abends eine Vorstellung spielen und am nächsten Morgen ein Kinderstück auf dem Spielplan steht, dann schläft die Crew hier vor Ort.
Was war für dich bisher der schönste Abend im Chapeau Rouge?
Rayk Henning: Ich mochte früher die Pressekonferenzen sehr gern. Unser damaliger Chef Dr. Bordel war da immer so schön lustig geschminkt und unsere Schauspieler:innen traten in unterschiedlichen Kostümen der jeweiligen Produktionen auf. Zudem sind die Arbeitsberatungen unter freiem Himmel hier sehr angenehm.
Der Strand liegt direkt hinterm Zelt. Geht ihr zwischendurch schwimmen?
Rayk Henning: Nein. Würde ich total gerne machen, aber das Problem ist, du wirst den Sand nicht los. Du hast ständig Sand in deinen Schuhen. Und das kannst du dir hier nicht erlauben. Wir laufen den ganzen Tag übers Gelände. Wirklich den ganzen Tag. Da möchtest du keinen Sand in den Schuhen haben.
Wenn Dir alles zu viel wird, wie schaltest Du ab?
Rayk Henning: Ich setze mich an den Computer und spiele. Gerne auch taktische Puzzle-Spiele, die ja gar nicht mal so weit von meinem Job entfernt sind, aber eben auf einem entspannten Level.
Danke für das Interview.
Das neue Chapeau Rouge in Zahlen
- Gastrozelt (Catering und Bar): 16 m × 10 m × 6 m (Breite × Länge × Höhe)
- Hauptzelt: 24 m × 24 m × 8,8 m (Breite × Länge × Höhe), 199 Sitzplätze
Konstruktion: RAAP Planen und Zelte KG (GmbH & Co.) Hamburg, textile architecture & manufactoring.