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© 2026 Vorpommersche Landesbühne
Backstage

Maske & Kostüm – Die Kunst der Verwandlung

Ein Blick hinter die Kulissen

Interviews mit den Teams von Maske und Schneiderei über ihre Arbeit an der Vorpommerschen Landesbühne.

Uwe Eichler, Christian Schröder · 01. Mai 2026

Werfen wir einen Blick hinter die Kulissen der Vorpommerschen Landesbühne – dorthin, wo Figuren nicht nur gedacht, sondern sichtbar gemacht werden: in die Schneiderei und in die Maske. Zwei Abteilungen, die oft im Verborgenen arbeiten und doch entscheidend dafür sind, was wir am Ende auf der Bühne erleben.

Autorinnen entwickeln Geschichten, Regie formt daraus Inszenierungen, Schauspieler füllen die Figuren mit Leben – alles „von innen" heraus. Technik, Ton und Licht erschaffen die äußere Welt, den Raum, in dem sich diese Geschichten entfalten. Maske und Kostüm verbinden beides. Sie machen Figuren sichtbar – und greifen zugleich tief in ihre inneren Eigenschaften ein.

Noch bevor eine Figur ihren ersten Satz spricht, erzählt ihr Erscheinungsbild bereits eine Geschichte: Zeit, Herkunft, Status, vielleicht sogar Beruf. Aber auch innere Zustände werden sichtbar – Haltung, Ordnung oder Chaos, Selbstbewusstsein oder Zweifel. Ist die Kleidung bewusst gewählt oder wirkt sie zufällig? Passt sie zur Figur oder steht sie im Kontrast?

Gerade dieser Kontrast erzeugt Spannung – Reibung. Und Reibung ist im Theater oft der entscheidende Motor. Auch Entwicklungen werden sichtbar: Aufstieg, Fall, Wandel. Kostüm und Maske begleiten diese Prozesse und machen sie für das Publikum erlebbar. Damit all das in jeder Vorstellung funktioniert, ist eine umfangreiche Vorbereitung notwendig.

In der Maske

Bevor ein Kostüm genäht oder etwa eine Perücke geknüpft wird, setzen sich die Mitarbeiter:innen der Masken- und Kostümabteilung intensiv mit den Entwürfen der Bühnen- und Kostümbildner:innen auseinander. Diese entstehen in enger Abstimmung mit der Regie, bilden die Grundlage der weiteren Arbeit – und geben zugleich Einblick in den künstlerischen Ansatz der Inszenierung.

Um sich selbst ein genaueres Bild zu machen, besuchen wir die Kolleg:innen in ihren Werkstätten. Der erste Weg führt zu Silke Schnack und Julia Petz in die Maske.

Wie viel Freiheit bleibt in der Umsetzung gegenüber den Vorstellungen der Kostümbildnerin?

Julia: Das hängt stark von den Ausstatter:innen ab. Manche geben uns viel Freiraum, andere haben sehr klare Vorstellungen. Gleichzeitig prüfen wir immer: Ist das praktisch umsetzbar? Funktioniert es auch bei schnellen Umzügen? So nähern wir uns jeder Figur Schritt für Schritt.

Was macht besonders Spaß?

Silke: Ich knüpfe tatsächlich sehr gern Perücken. Und Wunden machen wir beide gern.

Julia: Ich mag alles, was mit Nähen und Basteln zu tun hat – zum Beispiel Perücken-Monturen.

Und wie lässt man Figuren altern?

Julia: Unsere Spielstätten sind im Vergleich recht klein, das Publikum sitzt sehr nah an den Schauspielerinnen und Schauspielern. Wir versuchen daher, die Alterung möglichst natürlich aussehen zu lassen. Ein Beispiel ist Nadja Hamami in der Inszenierung „Gott": Hier wurde mit einem künstlichen grauen Haaransatz vor dem eigenen Haar gearbeitet, ohne gleich eine Perücke zu verwenden, und die Gesichtstiefen wurden stärker betont. Auf größeren Bühnen braucht man dagegen eher ein plakativeres Make-up.

Wie lange kann so eine Verwandlung dauern in der Maske?

Silke: Bei „Vineta" sind wir oft bei 45 bis 50 Minuten pro Figur.

Im Sommer spielt die Landesbühne an mehreren Orten gleichzeitig – von Anklam bis Zinnowitz. Wie ist das zu stemmen?

Julia: Mit unserem dreiköpfigen Stammteam allein nicht. Deshalb unterstützen uns im Sommer bis zu acht Aushilfen.

Ihr kommt den Schauspielerinnen in der Maske sprichwörtlich sehr nah, da ihr direkt an ihren Gesichtern arbeitet. Bekommt ihr dabei auch mit, wie die Stimmung in der Produktion gerade ist?

Silke: Wir bekommen viel mit – beruflich und privat.

Julia: Und versuchen auch, die Stimmung zu heben, wenn es nötig ist.

Habt ihr schon mal darüber nachgedacht, beim Film zu arbeiten?

Julia: Nein, das wäre mir zu viel Warterei. Und ständig auf kleinen Monitoren zu überprüfen, ob jede Haarsträhne exakt so sitzt wie im vorherigen Take, um Anschlussfehler zu vermeiden – das ist nicht meins. Da finde ich das Theater deutlich spannender.

Silke: Ich würde auch nicht so gern zum Film gehen – mir hat die Atmosphäre am Theater schon immer besser gefallen.

Wie erlernt man eigentlich den Beruf der Maskenbildnerin?

Julia: Am Theater, an einer Schule oder an der Uni. An der Vorpommerschen Landesbühne kommen wir alle von derselben Maskenbildnerschule in Berlin.

Wie bewirbt man sich dort? Gehört Probeschminken dazu?

Silke: Das hängt davon ab, wo man sich bewirbt. Oft braucht man eine Mappe, Probearbeiten oder durchläuft eine Aufnahmeprüfung bzw. Probezeit. Häufig ist auch eine Friseurausbildung Voraussetzung.

Warum funktioniert Theater nicht ohne Maske?

Julia: Es gibt Produktionen, da merkt das Publikum gar nicht, dass die Darsteller geschminkt sind. Aber wenn wir es nicht machen würden, würde es sofort auffallen – zum Beispiel, weil Gesichtszüge weniger sichtbar wären. Allein für die Mimik ist unsere Arbeit entscheidend.

Was mögt ihr an dem Beruf weniger?

Silke: Für mich ganz persönlich: die Arbeitszeiten bei Märchenvorstellungen. Gerade wenn noch die langen Anfahrten zu unseren Spielstätten dazukommen. Das ist im Wechsel mit Abendvorstellungen dann manchmal herausfordernd.

Was macht euch am meisten Spaß?

Julia: Die Abwechslung – es kommt immer wieder etwas Neues.

Silke: Genau, und dass man ständig kreativ sein kann.

In der Schneiderei

Ständig neu kreativ sein – das gilt auch für die nächsten Kolleg:innen, die wir besuchen: das Team um Sonja Baasch, Leiterin der Schneiderei. Unterstützt wird sie aktuell von Olivia Grace Helmes (3. Gesellenjahr), sowie den Auszubildenden Lara-Isabelle Simowski (3. Ausbildungsjahr), Frances Schuhmann (2. Ausbildungsjahr) und Yolanda Hollak (1. Ausbildungsjahr).

Auch in der Schneiderei bilden die Entwürfe der Kostümbildner die Grundlage der Arbeit …

Sonja: Genau. Entscheidend ist dabei immer: Worum geht es inhaltlich? Was ist das Thema des Stücks? Was soll vermittelt werden? All das spiegelt sich am Ende in den Kostümen wider. Gleichzeitig wird den Ausstattern vorgegeben, wie viele Werkstatttage ihnen für eine Produktion zur Verfügung stehen – und daran orientiert sich dann auch, wie die Kostüme entworfen und umgesetzt werden können.

Wie viele entstehen pro Spielzeit?

Sonja: Das variiert stark. Bei „Vineta" waren es vor drei Jahren über 60 Kostüme allein für diese eine Produktion. Sprich, wir haben auch sehr viele Kostüme im Fundus!

Und der Zeitaufwand?

Sonja: Das kann ich dir sagen, wenn ich den Entwurf sehe. Beim Feuer- oder Wassergott bei „Vineta" im vergangenen Jahr steckten beispielsweise mehrere Wochen Arbeit in einem einzigen Kostüm. Das lässt sich im Vorfeld oft nur schwer einschätzen – bei so aufwendigen Arbeiten ist eine genaue Planung kaum möglich.

Seid ihr auch für die Kostümwechsel bei den Vorstellungen verantwortlich?

Sonja: Während der Vorstellungen übernimmt die Maske die schnellen Wechsel, die Schneiderei kümmert sich um Pflege und Erhalt – teilweise sogar mit speziellen Verfahren wie Ozonreinigung für empfindliche Stücke.

Wie kommt man dazu, in der Schneiderei eines Theaters zu arbeiten?

Lara: Wenn man sich für den Beruf der Maßschneiderin entscheidet, merkt man schnell, dass es in Norddeutschland nur wenige Ausbildungsplätze gibt. In Mecklenburg-Vorpommern sind sie rar. Neben der Vorpommerschen Landesbühne bilden aktuell noch das Theater Vorpommern und die Störtebeker Festspiele aus.

Sonja: Da sind wir an der Landesbühne tatsächlich gut aufgestellt.

Hattet ihr vorher schon eine Affinität zum Theater oder stand zunächst die Ausbildung im Vordergrund?

Lara: Ich bin schon vorher oft mit meinem Vater ins Theater gegangen. Über einen Ausbildungsberater der Handwerkskammer Neubrandenburg habe ich dann den Hinweis bekommen, dass die Vorpommersche Landesbühne ausbildet. Nach einem einwöchigen Praktikum konnte ich hier meine Ausbildung beginnen.

Sonja: Für mich war das anders. Ich bin zwar gern ins Theater gegangen, aber dort zu arbeiten, hatte ich nie auf dem Schirm. Ich habe in der exklusiven Maßanfertigung gelernt und wollte eigentlich in Richtung Haute Couture gehen. Dann hat mich ein Nachbar darauf aufmerksam gemacht, dass die Landesbühne Schneiderinnen sucht. Heute würde ich mich jederzeit wieder für das Theater entscheiden.

Ihr nehmt auch während der Ausbildung an Wettbewerben teil?

Frances: Aktuell steht der „Kreativ-Wettbewerb" an. Der wird unter anderem von unserer Berufsschule organisiert und gibt uns die Möglichkeit, neben der Ausbildung zu zeigen, was wir können – und unserer Kreativität freien Lauf zu lassen.

Was war bisher eure liebste Arbeit?

Yolanda: Der Rock in der Blechtrommel.

Sonja: Den hat sie wirklich großartig gemacht. (Der Rock ist mehrere Meter lang und wirkt auf der Bühne fast surreal.) Für mich war „Yvonne" ein Höhepunkt. Die Produktion hat uns anfangs stark gefordert, aber am Ende sind wunderschöne Kostüme entstanden.

Auf solche Kostüme warten Schauspieler manchmal ein Leben lang.

Regisseur von Yvonne, Prinzessin von Burgund

Auch die Vineta-Produktion 2025 war für uns insgesamt eine außergewöhnliche Spielzeit – die Entwürfe waren großartig, das Ergebnis beeindruckend.

Gibt es qualitative Unterschiede zwischen Haupt- und Nebenrollen?

Sonja: Überhaupt nicht. Oft sind es gerade die kleineren Rollen, die besonders aufwendig sind. Der Astronaut in „Gott" ist nur kurz zu sehen und war trotzdem eine spannende Herausforderung. Oder die Schneekönigin in „Die Prinzessin auf der Erbse": zwei Minuten auf der Bühne – und das aufwendigste Kostüm der ganzen Produktion.

Braucht es bei kurzen Auftritten einen besonderen „Wow-Effekt"?

Frances: Ja, das spielt sicher eine Rolle. Trotzdem ist es manchmal schade, wenn so viel Arbeit und Liebe im Kostüm steckt und es dann nur wenige Minuten auf der Bühne zu sehen ist.


Auf dem Rückweg bleibt ein Gedanke: Wie sichtbar ist diese Arbeit eigentlich für das Publikum? Vielleicht lohnt es sich, diese Kunst stärker ins Rampenlicht zu rücken – nicht nur auf der Bühne, sondern auch davor. Denn Maske und Kostüm sind weit mehr als Beiwerk: Sie sind ein zentraler Teil der Erzählung.

Oder anders gesagt: Ohne sie würde uns etwas Entscheidendes fehlen – noch bevor der erste Satz gesprochen ist.

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