Die Vineta-Sage
Seit 1997 erzählt die Vorpommersche Landesbühne auf der Ostseebühne Zinnowitz die Sage von Vineta neu – jeden Sommer eine andere Geschichte.
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Ein Schäferjunge, ein Ostermorgen, eine Stadt aus dem Meer
Es soll ein Ostermorgen gewesen sein, irgendwo am Strand von Koserow. Ein Schäferjunge hütet seine Tiere, den Blick auf das Wasser gerichtet, als sich der Horizont teilt und eine Stadt aus den Fluten steigt. Türme, Gassen, ein Hafen voller Schiffe – und mittendrin reglose Kaufleute, die ihm mit ausgestreckten Händen kostbare Waren anbieten. Kein Laut ist zu hören. Der Junge hat keinen Pfennig in der Tasche. Also dreht er sich um, geht zurück zu seinen Schafen – und als er sich noch einmal umschaut, ist die Stadt verschwunden, als hätte es sie nie gegeben.
So erzählt es die Sage von Vineta, eine der ältesten und hartnäckigsten Legenden der Ostseeküste. Nur ein Sonntagskind, heißt es, kann die Stadt am Ostermorgen sehen. Und nur wer ihren Bewohnern an diesem einen Morgen etwas abkauft, könnte Vineta für immer aus ihrem Fluch erlösen.
Die reichste Stadt Europas – und ihr Untergang
Der Sage nach war Vineta einst die größte und reichste Handelsstadt Europas. Ihre Stadttore aus Erz, die Glocken aus Silber, ihre Kaufleute im Austausch mit aller Welt. Doch mit dem Reichtum wuchs der Hochmut, und mit dem Hochmut die Verschwendung. Drei Monate, drei Wochen und drei Tage vor dem Untergang, so will es die Überlieferung, warnten Lufterscheinungen am Himmel die Bewohner. Auch eine Wasserfrau soll gemahnt haben, in einem alten plattdeutschen Vers, der sich bis heute an der Küste erzählt:
Vineta, Vineta, du rieke Stadt, Vineta sall unnergahn, wieldeß se het väl Böses dahn!
Die Warnung verhallte. Eine gewaltige Sturmflut nahm sich die Stadt, mit Mensch und Tier, und ließ nur eine Legende zurück – die bis heute niemand endgültig widerlegen konnte.
Wo die Steine der Sage liegen
Wo genau Vineta gelegen haben soll, darüber sind sich Historiker und Archäologen bis heute uneins. Manche verorten die Stadt bei Kap Arkona auf Rügen, andere vor Koserow oder am Peenemünder Haken auf Usedom, wieder andere in Barth oder im polnischen Wolin am Stettiner Haff. Ein Riff vor Koserow und Damerow, das Fischer seit Jahrhunderten fürchten, galt manchen als Beweis; ein hölzernes Kruzifix, das dort einst aus dem Meer geborgen wurde, als Reliquie der versunkenen Stadt. Dass sich die Spuren bis heute nicht eindeutig zuordnen lassen, hat den Mythos nicht geschwächt, sondern genährt. Vineta ist das Atlantis der Ostsee – und die Region zwischen Rügen und Usedom lebt mit dieser Sage, so wie sie mit dem Meer selbst lebt.
Die Bühne, die den Mythos jeden Sommer neu erzählt
Seit 1997 macht die Vorpommersche Landesbühne aus dieser Legende gelebte Wirklichkeit. Auf der Ostseebühne Zinnowitz entsteht Sommer für Sommer eine neue Episode aus der Geschichte der versunkenen Stadt – mit Schauspiel, Tanz, Kampf, Musik, Lasershow und Pyrotechnik. Nicht dieselbe Geschichte wird wiederholt, sondern jedes Jahr ein neues Kapitel erzählt: von Verrat und Liebe, von Macht und ihrem Verfall, von Menschen, die zwischen Gut und Böse ihren Weg suchen müssen. Am Ostersonntag eröffnet traditionell das Vineta-Osterspektakel die Saison – mit Schwertkämpfen, Akrobatik und Tanz am Strand von Zinnowitz, bevor im Sommer die eigentlichen Festspiele beginnen.
Warum Sie diesen Sommer nach Zinnowitz sollten
Man kann die Vineta-Sage lesen, man kann sie sich erzählen lassen. Aber man kann sie auch erleben: seit fast dreißig Jahren erhebt sich die Stadt jeden Sommer. Die Vineta-Festspiele sind mehr als ein Theaterabend. Sie sind der Moment, in dem eine der ältesten Sagen Norddeutschlands an dem Ort lebendig wird, der ihr Heimat geworden ist.