Kultur bildet. Der Satz ist so schlicht wie richtig. Was liegt also näher, als mehr in Kultur zu investieren – und damit in Bildung?
Nur hat Kultur seit jeher ein Problem: Sie kostet Geld und ist auf öffentliche Förderung angewiesen. Doch was wäre, wenn man die Perspektive einmal umdreht? Wenn Kultur nicht nur ein Zuschussgeschäft wäre, sondern ein Motor für Wachstum und Wohlstand? Mit dieser Frage haben wir uns in der Dramaturgie beschäftigt. Herausgekommen ist ein Gedankenspiel, das so einfach wie kühn ist. Und eines sei gleich vorweggenommen: Ohne das Publikum funktioniert es nicht.
Das Gedankenexperiment
Nehmen wir einmal an, alle Einwohner des Landkreises Vorpommern-Greifswald gingen zweimal im Monat ins Theater. Statt Streaming, Social Media und Sofa also wieder mehr Bühne, Begegnung und unmittelbares Erleben. Im Landkreis leben rund 230.000 Menschen über sechs Jahre. Wenn jede und jeder von ihnen zweimal im Monat eine Vorstellung besucht, ergibt das 460.000 Theaterbesuche im Monat. Eine beeindruckende Zahl – und zugleich der Ausgangspunkt für weitere Überlegungen.
Ein Theater, das von Donnerstag bis Sonntag spielt, kommt auf etwa 16 Vorstellungen im Monat. Um dieses Besuchsaufkommen zu bewältigen, müssten täglich rund 28.750 Zuschauer untergebracht werden. Bei einer durchschnittlichen Größe von 200 Sitzplätzen pro Haus, wie etwa im Anklamer Theater, ergäbe sich daraus ein Bedarf von 143 zusätzlichen Spielstätten im Landkreis. Diese würden über die 138 Gemeinden verteilt. Das hätte einen entscheidenden Vorteil: Kultur wäre nicht mehr an zentrale Orte gebunden, sondern im Alltag der Menschen angekommen. Kurze Wege, mehr Teilhabe, weniger Schwellen.
Arbeitsplätze und Bevölkerungswachstum
Doch damit nicht genug. Ein Theater lebt nicht nur von seinem Publikum, sondern auch von denen, die es möglich machen. Für einen vielfältigen Spielplan rechnen wir pro Haus mit mindestens 20 Darstellern. Allein dadurch entstünden 2.860 neue Stellen. Rechnet man Technik, Verwaltung, Ausstattung, Service, Marketing und zahlreiche weitere Bereiche hinzu, käme man auf insgesamt rund 26.600 Arbeitsplätze, die direkt oder indirekt mit dem Theater verbunden sind.
Damit wäre mehr als jeder zehnte Einwohner des Landkreises im Kulturbereich tätig – ein weltweit einzigartiger Wert. Vor diesem Hintergrund lohnt ein Blick auf die aktuelle Arbeitslosenquote von 9,7 Prozent, was rund 11.000 Menschen ohne Beschäftigung entspricht. In unserem Szenario würde sich dieses Verhältnis vollständig umkehren. Zugleich wären zusätzliche Fachkräfte nötig, die in die Region ziehen müssten – etwa 15.000 Menschen. Mit ihren Familien gerechnet ergäbe sich ein Bevölkerungszuwachs von rund 45.000 Personen.
Das hätte spürbare Auswirkungen auf das Leben im ländlichen Raum. Dorfläden könnten wieder wirtschaftlich betrieben werden, Gaststätten würden entstehen oder zurückkehren, Schulen könnten erhalten oder neu gegründet werden. Vereine und Feuerwehren bekämen Nachwuchs, Wege würden kürzer, die Abhängigkeit vom Auto geringer. Auch soziale Aspekte wären nicht zu unterschätzen: weniger Vereinsamung, mehr Begegnung, mehr Gemeinschaft.
Kurzum: Der ländliche Raum würde an Stabilität und Attraktivität gewinnen. Und ganz nebenbei hätte man auch noch etwas für die eigene Bildung getan.
Die Frage der Finanzierung
Bleibt die Frage der Finanzierung. Spätestens hier meldet sich der Einwand, der in solchen Gedankenspielen unausweichlich ist.
Orientiert man sich am Bau eines modernen, funktionalen Theatergebäudes – etwa in einfacher Metallkonstruktion wie unser Theater Zinnowitz – und setzt auf standardisierte Planung, ließen sich die Kosten pro Haus auf etwa fünf Millionen Euro beziffern. Für 143 Theater ergäbe sich eine Gesamtinvestition von rund 715 Millionen Euro. Hinzu kämen laufende Betriebskosten. Rechnet man mit einem Jahresbudget von etwa 3,5 Millionen Euro pro Haus, summiert sich das auf rund 500 Millionen Euro jährlich.
Zum Vergleich: Die derzeitige Förderung für Theater und Orchester in Mecklenburg-Vorpommern liegt bei etwa 36 Millionen Euro im Jahr. Man kann also festhalten: Die Idee hat Potenzial – und einen erheblichen Preis.
Vielleicht beginnt alles ohnehin mit einem einfachen Schritt: öfter ins Theater zu gehen.
Vielleicht liegt die Lösung nicht im vollständigen Ausbau, sondern in kleineren, flexibleren Ansätzen. Wandertheater, mobile Bühnen, geteilte Nutzung von Räumen – Modelle, die näher an der Realität sind und dennoch den Kern der Idee bewahren: Kultur näher zu den Menschen zu bringen.
Das Gedankenspiel bleibt. Die Rechnung ist noch nicht abgeschlossen. Und vielleicht beginnt alles ohnehin mit einem einfachen Schritt: öfter ins Theater zu gehen.